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Sichere Mobilität auch für Flüchtlinge - Verkehrswachten engagieren sich

Die große globale Flüchtlingsbewegung ist derzeit Topmeldung in allen Nachrichtensendungen. Aktuellen Prognosen zufolge werden in diesem Jahr mehr als 800.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragen – vermutlich ist diese Zahl beim Erscheinungstermin dieser „Mobil und Sicher“-Ausgabe sogar noch höher.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Insbesondere im arabischen Raum und in Nordafrika sind viele Staaten in Folge der Umbrüche nach dem Arabischen Frühling destabilisiert. Folge sind innenpolitische Unruhen und Bürgerkriege, die viele Menschen heimatlos machen oder Zuflucht in sichereren Gebieten suchen lassen. Die terroristische Vereinigung Islamischer Staat bedroht hunderttausende Menschen insbesondere auf dem Territorium Syriens und des Irak. Aus Regionen des Balkans sehen wir eine innereuropäische Wanderungsbewegung, viele Menschen suchen eine bessere wirtschaftliche Zukunft.

So vielseitig die Ursachen für die enorm gestiegene Zahl an Flüchtlingen sind, so groß sind auch die Herausforderungen für Bund, Länder und vor allem Kommunen. Es ist eine gewaltige Aufgabe, diese vielen Menschen kurzfristig unterzubringen, gut zu versorgen und die individuellen Einzelfälle rechtssicher zu prüfen. In unzähligen Städten und Gemeinden bundesweit werden verzweifelt Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge gesucht, werden Turnhallen und leerstehende Fabrikgebäude notdürftig als Unterkünfte improvisiert und sogar Zeltstädte errichtet – Lösungen, die angesichts des nahenden Winters teilweise kaum dauerhaft sein können. Über all diesen Herausforderungen steht für mich aber eine grundsätzliche Haltung: Hilfsbereitschaft für die, die zu uns kommen. Und eine tiefe Betroffenheit angesichts der zahllosen Opfer, welche ihre Flucht nicht überleben, sei es beim unmenschlichen Transport in Schlepperfahrzeugen oder beim Weg per Boot über das Mittelmeer.

Wir erleben aktuell an manchen Orten in Deutschland einen neuen Ausbruch an fremdenfeindlichen Vorbehalten und gewalttätigen Übergriffen. Brandanschläge werden auf Flüchtlingsunterkünfte verübt, und auf einschlägigen Internetseiten Ausländerhass gepredigt. Dies bereitet mir große Sorge, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln könnte.

Doch auf der anderen Seite gibt es enorm viel spontane Hilfsbereitschaft und zahlreiche Initiativen, die Mut machen. Menschen gehen gegen Ausländerfeinde auf die Straße und heißen Flüchtlinge willkommen. Bundesweit zeigen Menschen, dass sie den Notleidenden zuallererst helfen wollen. Pöbeleien in den sozialen Medien wie Facebook bleiben nicht mehr unwidersprochen. Und viele Verantwortliche in den Kommunen sind überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Bürger, die Kleidung, Essen und Mobiliar spenden.

Sehr früh begannen sich hier auch schon zahlreiche Verkehrswachten zu engagieren. Und zwar in ihrem ureigenen Bereich, der Verkehrssicherheitsarbeit. Einige bieten schon seit langem Kurse für Migranten an. Andere haben angesichts der neuen Lage und der Hilferufe der Kommunen damit begonnen. Zwei schöne Beispiele haben wir im Mai im Rahmen des Gesellschaftsabends unserer diesjährigen Jahreshauptversammlung mit dem „Mobil und Sicher“-Preis in Silber auszeichnen können: die Verkehrswacht Kreis Kleve und die Verkehrswacht Kreis Gütersloh für Fahrradkurse für Frauen mit Migrationshintergrund. An diesen Kursen nahmen in mehreren Unterrichtseinheiten Frauen teil, die teilweise noch nie auf einem Fahrrad gesessen hatten oder aber sich beim Radeln unsicher fühlten. Die Berichte dazu sind begeisternd.

Viele weitere inspirierende Berichte haben wir in den letzten Wochen bei der DVW erhalten, nachdem wir mit einer Umfrage erfahren wollten, was vor Ort konkret an Verkehrssicherheitsarbeit mit Flüchtlingen geleistet wird und wie die DVW hier unterstützen kann. Sie finden einige Beispiele im „Internen Bereich“ unserer Internetseite. Diese Berichte sollen Verkehrswachten zur Orientierung dienen, die gerne Veranstaltungen umsetzen würden, aber noch nach dem passenden Format und Ablauf suchen. Wir vermitteln auch gerne Kontakte zu erfahrenen Verkehrswachten, mit denen Sie sich direkt über deren Erfahrungen und Problemstellungen austauschen können. Außerdem arbeiten wir gerade daran, auch mit Materialien bei dieser Arbeit zu unterstützen. Die Kreisverkehrswacht Wetteraukreis hat sogar ein pädagogisches Curriculum für uns alle entwickelt.

Für mich ist einmal mehr begeisternd zu erfahren, welche tollen Aktionen in unserer Organisation an vielen Orten umgesetzt werden. Meist sind es Fahrradkurse, die veranstaltet werden. Dies liegt auch auf der Hand, weil das Fahrrad oft die erste Möglichkeit von begrenzter Mobilität für die in den stationären Einrichtungen angekommenen Flüchtlinge ist, gerade auf dem Land. Oftmals werden von der Bevölkerung ja auch Fahrradspenden für Flüchtlingsheime organisiert. Es gibt jedoch auch Kurse, die für Fußgänger ausgelegt sind. In einer Gemeinde werden Flüchtlinge sogar von der örtlichen Polizei ausgebildet und dann als Schulweghelfer eingesetzt werden. Eine sehr sinnvolle Form der Integration in unsere Gesellschaft.

All diese Beispiele machen mir ungeheuer Mut, stellen sie doch nicht nur Beispiele von wichtiger Verkehrssicherheitsarbeit dar, sondern sind auch Teil einer Kultur des Willkommens. Menschen kümmern sich um andere Menschen, die die Not in unser Land getrieben hat. Für die Flüchtlinge, die oft lange Zeit untätig in den Einrichtungen warten müssen, wird ein tolles Angebot geschaffen und ihre Mobilität gefördert.

Und es ergeben sich Begegnungen zwischen unterschiedlichen Kulturen, die uns bereichern können und die Integration leisten. Damit will ich keineswegs kleinreden, welch große Probleme die aktuellen Flüchtlingszahlen für unser Gemeinwesen und insbesondere viele Gemeinden darstellen. Hier muss die Bundesregierung intensiv nach internationalen Lösungswegen suchen. Doch vor Ort in der vorgefundenen Situation werden wir unser Bestes im Sinne unserer eigenen Philosophie geben. Ich bin überzeugt, dass wir die gesellschaftspolitischen Herausforderungen meistern können, wenn sich viele so engagieren, wie es zahlreiche Verkehrswachtmitglieder tun.

Danke für dieses Engagement!

Dieser Text stammt aus der Ausgabe 5/15 unserer Verbandszeitschrift „Mobil und sicher“.
Weitere Informationen finden Sie unter http://www.mobilundsicher.de/