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Verhaltensbeeinflussung durch Schock-Videos

Im Kampf gegen Raser, Drängler, Gurtmuffel, Trunkenheitsfahrer und andere Verkehrsrowdys setzt die Polizei in Nordrhein-Westfalen auf eine „Schocktherapie“: An Kontrollstellen werden Verkehrssündern per Video die drastischen Folgen von Unfällen gezeigt. Mit dieser ungewöhnlichen Maßnahme will man eine Bewusstseinsänderung herbeiführen und damit die Zahl der Unfalltoten und -verletzten reduzieren. Horrorvideos als neue Lebensretter? Wie steht es mit der Langzeitwirkung einer solchen Schocktherapie?

Problematik

Schockvideos
© H.Lunke <a href ="www.pixelio.de" target="_blank">Pixelio</a>

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Nach diesem Motto werden in kurzen Film-Clips Unfälle und deren drastische Folgen nachgestellt

  • Das vom Raser überfahrene Kind, das am Straßenrand verblutet.
  • Der Gurtmuffel, dessen Kopf gegen die Frontscheibe schmettert.
  • Ein querschnittsgelähmter junger Vater, der apathisch in die Kamera blickt.
  • Qualmende Autowracks nach einem Frontalzusammenstoß beim Überholen mit vor Schmerzen schreienden Insassen.

Danach zeigen die Filme, wie es besser geht: Durch richtiges Verhalten einen Unfall zu überleben und die Verletzungen zu vermindern. Die Auswahl der Kurzfilme wird dem jeweiligen konkreten Vergehen angepasst. „Schockvideos sollen nicht nur informieren, sondern auch wachrütteln und das gefährliche Verhalten den Verkehrssündern drastisch vor Augen führen“ – so die Überlegungen der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Entscheidend für das Konzept ist, dass der Fahrer den Film nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern von einem fachkundigen Verkehrssicherheitsberater flankierend informiert und aufgeklärt wird. Deshalb sollen die Clips auch nicht unkommentiert in Kinos oder Diskotheken laufen, sondern

  • im Fahrschulunterricht, wo der Fahrlehrer in die Rolle des Beraters schlüpfen kann;
  • in den Schulen, wo ein geschickter Lehrer durch die Diskussion in der Gruppe auf mehr Risikobewusstsein und eine Verhaltensänderung der Jugendlichen hinarbeiten kann;
  • angehaltenen Verkehrssündern gezeigt werden, wo der Polizeibeamte nicht nur einen Verkehrsverstoß dokumentieren, sondern auch die Konsequenzen des Verhaltens deutlich machen kann.

Erste Erfahrungen zeigen, dass die Spots selbst rücksichtslose Autofahrer betroffen machen.

Ein guter Ansatz, setzt er doch auf Emotionen – das klassische Einfallstor zum Bewusst­sein. Wie steht es mit der Langzeitwirkung einer solchen Schocktherapie? Lassen sich Unbelehrbare durch drastische Videos wirklich zur Einsicht bringen? Sind die Bilder nicht allzu schnell wieder vergessen, wenn es zurück auf die Straße geht?

Wissenschaftliche Studien, unter anderem in Australien und Kanada, kommen zu vergleichbaren Ergebnissen (*):

  • Wichtig für den Erfolg sind Transparenz und Kommunikation, also eindeutig erkennbare Fehlerursachen und entsprechende Erläuterungen dazu.
  • Durch Schockvideos lässt sich das Verhalten durchaus ändern – Werte und Einstellungen aber nur sehr begrenzt.

Darstellungen, die nach dem Schock das richtige Verhalten aufzeigen und so beim Zuschauer für Erleichterung sorgen, zeigen die besten Erfolge. Nicht das Maß der durch Schockvideos erzeugten Angst ist entscheidend, sondern die Darstellung eines Lösungsweges.

Fazit:

Viel wurde bisher getan zum Schutz von Leib und Leben der Risikogruppen im Straßenverkehr – wie etwa den jungen Fahranfängern:

  • Führerschein mit 17 in Verbindung mit begleitetem Fahren;
  • Alkoholverbot für junge Fahrer;
  • freiwillige Sicherheitstrainings;
  • diverse Plakataktionen.

Es wurde auch Einiges erreicht und die Unfallbeteiligung junger Fahrer reduziert; sie liegt aber nach wie vor inakzeptabel hoch im Vergleich zu anderen Verkehrsteilnehmern. Wenn die klassischen Mittel der Pädagogik – Aufklärung und Strafandrohung – nicht mehr weiterhelfen, kann man es niemanden verübeln, sich Neues einfallen zu lassen. Insoweit sollte man auch den „Video-Schockern“ eine Chance geben.

Empfehlung

Schockvideos alleine werden die Probleme mit Rasern, Dränglern und Verkehrsrowdys nicht lösen können. Auf die klassischen Elemente kann auch in Zukunft nicht verzichtet werden: Folgekurse für junge Fahrer in den ersten Jahren nach der Führerscheinprüfung, freiwillige Sicherheitstrainings, angemessene Sanktionen bei unfallrelevantem Fehlverhalten – vor allem, um die Einstellung der Fahrer zu ändern. Als begleitende Maßnahme für ein solches Bündel von Aktivitäten kann man sich Schockvideos durchaus vorstellen. Einen Versuch wagen sollte man allemal – auch, um durch eine belastbare Evaluation neue Erkenntnisse zu gewinnen. 

(*) The fear factor: Measuring Fear Response to Anti-Speed Advertisements and its Effects on Driver Attitudes; Studie der Universität Wollongong (Australien); Dr. Jennifer Algie

(*) Speed Awareness Courses; Studie der Universität Reading (USA); Prof. Frank Mc.Kenna

 

Präsidium und Vorstand der Deutschen Verkehrswacht 2009